Extro-Galerie: Lichtbildliche Poesie aus Eis, Wind und Schnee

Schneesturm beginnt über dem Bodden (alle Fotos Copyright: Stefan Jalowy)

“Guten Morgen, hier in Berlin-Moabit ist es mit minus sechs Grad frostig, aber trocken…der Tag wird sonnig bleiben und Niederschläge sind auf unserem Wetter-Radar nicht in Sicht…” Es ist Winter im Nordosten Deutschlands. Sowas wie  Winterge- fühl kommt im Grunde erst mit Ansa- gen wie dieser fiktiven Wettermel- dung  im ebenso fiktiven “Demokra- tie-Radio” auf. Nicht fiktiv an diesem Morgen ist allerdings das Wetter – und der Blick aus dem Fenster auf die auf im ersten Morgengrauen noch friedlich in Reih und Glied aneinander gekuschelt schlummernden Autos der Nachbarn verrät: der Frost hüllt Karossen und Karosserien in ein feines, dünnes und sehr eisiges Firnis. Wie ein hauchzartes Dessous-Etwas. Und wenn es hier in diesem Winkel von Moabit mehr Natur gäbe, wenn es in diesem Berliner Winter mehr Eis und vor allem mehr Schnee gäbe, wenn es dazu noch stürmte und unablässig Tag und Nacht schneite – dann…könnte man sich den poetischen Momenten der Foto-Edition von Rainer F. Steussloff erheblich näher fühlen. Und unter der fröstelnden Haut so etwas wie Bewunderung, Faszination und fast kindlich fühlbares Staunen über die Wunder der winterlichen Natur empfinden.

“Zwischenspiel” hat der renommierte Fotograf seinen Bilderzyklus genannt, der vor fast genau zwei Jahren  am Saaler Bodden bei Ahrenshoop entstand. Damals, in diesem unfassbar langen Schneewinter, versank Deutschland wochenlang unter Schneemassen. An der Ostseeküste fegte Wintersturm “Daisy” über die stille Landschaft Vorpommerns. Entlang der Darß-Zingster Boddenkette sind die südlichen Ufer von ausgiebigen Riedgürteln gesäumt. Die filigranen Sumpfgräser von Sturm und Schnee gebogen, vereist und unter dem kristallenen Panzer dennoch lebend. Blendendes Weiss eines von Schnee gefüllten tiefen Wolkenhimmels. Sonnenstrahlen, die sich den Weg durch sturmgeladene bleierne Wolken auf das Graubraun der Ufer und das Schiefergrau des nur knapp über dem Gefrierpunkt dümpelnden Boddenwassers bahnen. Naturgewalt und die ebenso zerbrechliche wie widerstandsfähige Zartheit von Halmen, Zweigen, Ästen, Knospen und Blüten. Welch ein Kontrast, hinter dem sich so mancher Zauber verbirgt.

“Du siehst  unter der Schneedecke eine Art fast transparenten Iglu und darunter schimmert ein braunes Zweiglein, eine verdorrte Blüte”, beschreibt Rainer Steussloff das Phänomen, das ihn hundertfach in diesen Tagen faszinierte. “Dann entfernst Du die dünne Kristallhaube, fasst das Pflänzchen an und es ist vollkommen vertrocknet, zerbröselt unter der leichtesten Berührung. Und doch steckt in diesem scheinbar toten Stück pflanzlicher Materie soviel Energie und Wärme, dass es sich diese kleine Überlebenshöhle unter Eis und Schnee geschmolzen hat.”

Für den Biologen mögen es chemisch-physikalische Vorgänge sein. Für den Beobachter ein Stück jener aus den fundamentalen Wahrheiten der Natur offenbarte Poesie, die uns Menschen wundern und staunen lässt. Die Bilder, die Steussloff in seinem Zyklus “Zwischenspiel” vorstellt, sind fotografische Poesie. Zu betrachten und zu spüren in der “Extro-Galerie” (Herbert- Baum-Straße 11, 13088 Berlin-Weissensee; Di. und Do., 14 – 18 Uhr).

Passend dazu – ein Stück traditioneller Winter-Poesie:

Verschneit liegt rings die ganze Welt, ich hab’ nichts, was mich freuet,
verlassen steht der Baum im Feld, hat längst sein Laub verstreuet.
Der Wind nur geht bei stiller Nacht und rüttelt an dem Baume,
da rührt er seine Wipfel sacht und redet wie im Traume.
Er träumt von künft’ger Frühlingszeit, von Grün und Quellenrauschen,
wo er im neuen Blütenkleid zu Gottes Lob will rauschen.

(Joseph von Eichendorff)

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die Anhänge zu diesem Post:

WinterSpass in der Extro-Galerie
WinterSpass in der Extro-Galerie

Schneesturm beginnt über dem Bodden
Schneesturm beginnt über dem Bodden

Schneegestürmte Gräser
Schneegestürmte Gräser

Galeriebesucher
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2 Kommentare to “Extro-Galerie: Lichtbildliche Poesie aus Eis, Wind und Schnee”

  1. KUNZT sagt:

    Eine kleine aber feine Exposition mit Fotografien von stiller Natur- und Kunstschönheit, von der man den Blick kaum abwenden kann. Diese optische wie emotionale Faszination – passend zur derzeitigen Witterung – lohnt den Ausflug nach Berlin-Weissensee unbedingt!

    Natur- sowie Kunstfreunde zieht euch warm an und macht euch eisern auf den herrlich winterlichen Weg zur auch geistigen Erwärmung in die Fotogalerie – Di/Do.

    und nun noch Friedrich Hölderlin:

    Weh mir, wo nehm ich, wenn es Winter ist die Blumen,
    und wo den Sonnenschein und Schatten der Erde?
    Die Mauern stehen sprachlos und kalt, im Winde klirren die Fahnen -
    (1796/98)

  2. Heinz sagt:

    Toll, das ist endlich mal ein guter Eintrag, vielen Dank. Muss man sich nochmal in Ruhe durchlesen. Generell finde ich den Blog gut zu lesen.

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