Archive für Januar, 2012 | monatliche Archiv Seite

Angela Merkel empfing Italiens Ministerpraesidenten Mario Monti

22. Januar 2012
Angela Merkel empfing italienischen Ministerpraesidenten Mario Monti

Angela Merkel empfing Italiens Ministerpraesidenten Mario Monti (Foto: © Angelika von Stocki)

Italien hat einen seriösen Präsidenten!

Von Franziska Sylla

Berlin, 11./22.1.2012. Kaum zu glauben: der korrupte, sexsüchtige und verschwenderische Ministerpräsident von Italien, Silvio Berlusconi, war 2011 endgültig gescheitert. Immer wieder sprachen seine Wahlbürger dem 74-Jährigen seit 1994 das Vertrauen aus, dreimal war er an der Macht, insgesamt nur zehn Jahre. Einzig Europa-demokratisch erscheint Berlusconis unfreiwillige, völlige Machtaufgabe in der Regierung am 13. November 2011.

Italiens Staatspräsident Georgio Napolitano beauftragte dann den parteilosen Wirtschaftswissenschaftler Mario Monti. Dieser gewann das Vertrauen des italienischen Abgeordnetenhauses und wurde am 16. November als neuer Ministerpräsident bestätigt.

In Berlin begrüßte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Monti traditionell mit militärischen Ehren. Ein Akt jedem neuen oder wieder gewählten Regierungs- oder Staatschefs gegenüber. Unabhängig, ob der Staatschef aus einem friedvoll geführten, wirtschaftlich oder bildungstechnisch funktionierendem Land zu Besuch kommt. Egal auch, ob diktatorische oder demokratische Herrscher von der deutschen Regierung  sich empfangen lassen wollen. Wobei, der libysche Präsident und skurrile Diktator, Muammar al-Gaddafi, erschien unter Angela Merkel nicht im Kanzleramt.

Berlusconi jedoch wurde von Angela Merkel im Jahr 2008 und Anfang 2011 mit militärischen Ehren empfangen (www.welt.de). Die Begegnungsgründe von Merkel und Berlusconi mögen in der Vergangenheit eher die Vorbereitungen der Europa-Gipfel oder der jährlich stattfindenden, wechselseitigen Regierungskonsultationen oder die Schuldenkrise der europäischen Mitgliedsländer gewesen sein. Nicht Thema war bis dahin die Personalfrage um den Präsidenten der italienischen Nationalbank, Mario Draghi, der das Vorstandsamt der Europäischen Zentralbank (EZB) ab September 2011 übernahm. Und Draghi unterstütze seinen neuen Ministerpräsidenten und Landsmann Mario Monti, schrieb die Neue Züricher Zeitung. (NZZ, 22.1.2012,   www.nzz.de).

Um das Schuldenerbe Berlusconis, der laut Wikipedia einer der reichsten Italiener sein soll, sein geschätztes Vermögen: 7,8 Milliarden Euro, kommt der neue Regierungschef Monti nicht herum. Die Staatsschulden betragen laut Handelsblatt vom 11. Januar 2012, 1900 Milliarden Euro. Das entsprächen rund 120 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Die drittgrößte Volkswirtschaft Europas habe im ersten Quartal 2011 (Handelsblatt) Kredite von rund 150 Milliarden Euro aufgenommen. (fs, LÄ 23.1.2012, 16.08 Uhr)

Ältere Artikel zu Politik in Bildern auf Demokratie Spiegel und hier mehr politische Bilder von Angelika von Stocki.

Andere Medien zum Thema: handelsblatt.com/monti-wehrt-sich-gegen-die-buesser-rolle

Hier geht es zum Video aus dem Kanzleramt von der Pressekonferenz mit Monti und Merkel, 11.1.2012: www.bundesregierung.de

 

Der Himmel über Berlin und die „blaue Stunde“ in Bellevue

15. Januar 2012

„Ensemble in zartrosa - das Portal des Bundespräsidenten

Die Stimmung in der Hauptstadt – gestern war sie heiter, sonnig und doch fröstelnd kühl. Das politische Berlin…der eine Teil in Kiel, um nicht nur in Klausur in Sachen „wie geht’s weiter mit …… ?“ zu gehen. Sondern wohl auch um die Strategie zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein am 6. Mai zu justieren. Gibt ja aktuell einige Themen, die auch traditionellen Unionswählern sauer aufstossen – und nicht mit nem doppelten Klaren über Bord gespült werden können. Der andere Teil der Hauptstadtpolitik – bis auf Röslers Presseverlautbarungen gegen die Rating-Bewertungen zu Ungunsten gewisser EU- Staaten…herrschte Stille und wochenendliche Ruhe.
Zeit also, um einige Stimmungen jenseits von Politik, Skandalen oder in die Wichtigkeit gehypten Themchen einzufangen. Der Himmel über Berlin in der „blauen Stunde“. Eine Bildergalerie. Einfach schön.

(Alle Fotos – Copyright: Stefan Jalowy)

Das Schloss in "blauer Abendstimmung"

Gold-Else oder Pech-Marie und der Blick in den Himmel über Berlin

47 Zeilen zum Tag: Blauer Himmel – und Alles wird gut?

14. Januar 2012

Blauer Himmel über Berlin (Copyright: S. Jalowy)

Endlich…! Nach gefühlten 100 Tagen blendete heute früh wieder ein blitzeblauer Himmel die Augen des gleich so gar nicht mehr verschlafenen Hauptstädters. Und was für ein blauer Himmel. Kühl zwar, aber natürlich begleitet vom Strahlen einer winterlich mässig wärmenden, aber ansonsten herzerfrischend strahlenden Sonne. Der blaue Himmel über Berlin – wird jetzt Alles wieder gut?

Der blaue Himmel wölbt sich auch über Schloss Bellevue und seinem derzeitigen Bewohner, dem Bundespräsidenten u.D. (unter Druck) Christian Wulff. Die samstägliche Nachrichtenlage in der Causa „Wulff und die Kredite, Freunde, Anrufbeantworter, Flug-Upgradings, Bauunternehmer, Buch-Anzeigen, Ehrlichkeit, Amtswürden etc.“ ist von…hoppla!…ja wo ist ER denn?

In SPIEGEL Online ist er gar nicht mehr auf der ersten Seite zu finden – zugunsten eines FDP-Chefs namens Rösler im Angriffs-Modus auf Rating-Agenturen und eine saarländische Ministerpräsidentin. BILD.de schlagzeilt mit dem Kreuzfahrt-Drama vor der toskanischen Küste, der Sex-Beichte von Brigitte Nielsen im „Dschungel-Camp“ und verweist irgendwo „unter dem Bruch“ auf die dramatischen Umfrageverluste des Schlossbewohners von Berlin. Nachrichten sehen anders aus. Die „Süddeutsche“ und ZEIT Online widmen sich bevorzugt dem Ärztepfusch, dem Verlust der Top-Ratings Frankreichs und Österreichs … das heisst – ZEIT-Leitartikler Josef Joffe stellt zu Wulff fest: „Er ist wie wir“. Danke, Herr Joffe. Das ahnten wir vom „Demokratie-Spiegel“ schon gestern.

Ansonsten scheint der blaue Himmel über Schloss Bellevue vermutlich auch auf das Haupt unseres Staatsoberhaupts. Gut, ja – die paar an der Unterseite dunkel umschatteten weissen Wölkchen wehen ja schnell dahin. War’s das…? Kommt da noch was…? Oder brechen die Quoten, Auflagen und „Klick“-Traffics zum Thema Wulff jetzt doch deutlich ein…? Ist die Ruhe nach dem Sturm einer nicht geringen Zahl an Publikums-Reaktionen geschuldet, denen die ausgemachte Scheinheiligkeit gewisser Medientitel gegen den Strich geht…?

Der Autor weiss, dass auf jeden blauen Winterhimmel meist zeitnah graue, nasse, stürmische Tristesse folgt. Und er ahnt auch, dass die Kanzlerin in ihrem nur ein paar Hundert Meter vom Präsidial-Schloss entfernten Amtssitz wohl nicht viel vom tagesaktuellen Himmelblau über Wulff mitbekommt. Angela Merkel entspannt sich vermutlich daheim am Herd beim eigenhändig eingekochten Lieblings-Eintopf oder raffiniert gefühlten gefüllten Kohl-Rouladen.

Ihr deftiges Lieblingsmenu, ein wie das Kreuzfahrtschiff im Mittelmeer leckgeschlagener Bundespräsident mit Schlagseite (der auf den wohlwollenden christlich motivierten schweigenden Beistand der Pastorentochter angewiesen ist wie ein havarierender Käpt’n  auf den Seenotrettungskreuzer), ein kleiner gallischer Staatspräsident mit heruntergestufter Kreditwürdigkeit – die Kanzlerin kann beruhigt dieses Wochenende und den blauen Himmel über Berlin geniessen. Und ich geh nachher mal spazieren – Alles wird gut.

 

Nachtrag (18:52 Uhr): Die Kanzlerin weilte heute nicht in Berlin, nicht in der Uckermark – sondern zur CDU-Klausur in Kiel. Na ja, Sprotten können auch sehr lecker sein.

23 Zeilen zum Tag: Wenn schon Krisenkommunikation…

13. Januar 2012

…dann richtig, Herr Bundespräsident. Wenn die Schlagzeilen einen im Nacken treffen, richtig weh tun, unter die Gürtellinie zielen und sich das Rückenmark allmählich verflüssigt – dann kann nur noch die richtige Krisenkommunikation helfen.

„Dauer-Skandal: Bundespräsident verliert immer mehr an Glaubwürdigkeit“, trailert das ZDF-Morgenmagazin („Mo:Ma“) und laut „ZEIT ONLINE“ zeigt sich ein namentlich nicht genannter CDU-Bundestagsabgeordneter von der „Pressearbeit“ des Wulff’schen Rechts- beistands und privaten Pressebeauftragten Gernot Lehr „schon überrascht“.

Mal direkt gefragt: wie vertrauenswürdig wirkt es, wenn ein Rechtsanwalt der Experte der Wahl in Fragen der Krisenkommunikation ist? Deutet sich damit nicht an, dass „die Wahrheit“ sich wie ein glitschiger Aal durch die engen Spalten der legalen Machbarkeit windet? Und nach jeder anwaltschaftlichen Erklärung im Auftrag des bundespräsidialen Mandanten gleich wieder noch Dieses und Jenes nach-erklärt werden muss?

Krisenkommunikation soll nicht nur Glaubwürdigkeit wiederherstellen – sondern so offen und ehrlich wie möglich Hintergründe darlegen und auch Fehler eingestehen. In einer Gesellschaft, die sich selbst alles andere als unfehlbar betrachten kann und die gerne Schnäppchen, Rabatte, Boni einsammelt … könnte auch der „erste Bürger im Staat“ mit Verständnis rechnen. Wenn er denn dazu stehen würde.

Mensch Christian, sei ein Kerl, stell Dich vor die Kameras und Mikrofone der Republik und sag doch einfach: „Ja, ich habe gerne private Vorteile mitgenommen. Aber ich habe niemals jemanden dafür verkauft: nicht meine Wähler, nicht den Bürger, nicht den Staat. Aber ich bin auch nur ein Mensch und weder Heiliger noch Roboter. Ich war und bin als Politiker, Landesvater und Bundespräsident eben genau wie Sie. So – und jetzt verurteilen Sie mich …“ Das wäre ein Signal für Transparenz, Ehrlichkeit und damit vorBILDlich.

 

Unter “xx Zeilen zum Tag:…” kommentiert DS-Autor Stefan Jalowy tagesaktuelle Themen aus Politik, Kultur und Gesellschaft.

Affäre Wulff: Als Quoten-Nacktmull durchs Dorf getrieben ?

11. Januar 2012

Glanz und Glamour adé? (Copyright: Angelika von Stocki)

Berlin (11.01.2012) – Das war’s jetzt aber mit Wulff. Genauer: das war’s jetzt aber mit der „Affäre Wulff“. Oder doch noch ein wenig konkreter: das war’s jetzt aber mit „dieser Affäre Wulff“. Deutschlands Staats- oberhaupt, so scheint es an diesem Mittwoch nach Dreikönig, durfte während der soeben zu Ende gegangenen Weihnachts- ferien als höchst unterhaltsamer „Nacktmull durch’s Dorf getrieben“ werden. Als „Nacktmull“ umschrieb den Bundespräsiden- ten übrigens der umtriebige Autorenkollege Hajo Schuma- cher diesen Montag in „Hart, aber fair“ (ARD). Wie ernst ist es den Aufdeckern, den Moral und Würde anmahnenden Medien-Akteuren, den Chef-Redakteu- ren und Herausgebern wirklich mit einer gesellschaftsübergreifenden Kultur der Ehrlichkeit und des Anstands? Wie alleine steht der Bundespräsident mit seiner Bereitschaft, entsprechend seinem politischen und gesellschaftlichen Aufstieg sich mit ihm offerierten Vorzugsbehandlungen, Sonderrabatten und VIP-Konditionen umgarnen zu lassen, denn wirklich?  Ist er nicht gerade daher ein in der Tat repräsentatives Abbild der Mauschel-, Bückwaren- und „Deals unter Freunden“-Mentalität in unserer Gesellschaft, die vermutlich eine überwältigende Mehrheit der Bürger empört und sich ertappt fühlend von sich weisen würde? Der erste Bürger im Staat – umweht vom nicht eben schlossparkettfein penetranten Geruch fauligen Kungelei-Gemauschels, gehetzt von den Leitwölfen einer Medienmeute … die ganz offenbar „nur spielen“ wollte. Wenn es denn je   e r n s t h a f t  um die Aufklärung „dieser Affäre Wulff“ gegangen wäre, wenn …

Dann wären die bisherigen „Enthüllungen“, scharfen Nachfragen zu Wulffs Privat- und Bankkredit, zu den eventuell sehr wohl möglichen Verknüpfungen der Minister- und Präsi- dentenämter unseres aktuell obersten Staatsrepräsentanten mit den ihm von „Freunden“ und wohlmeinenden Geschäftspartnern gewährten Vorzugs- und Freundschaftsangeboten durch unbestechliche und seriöse Recherchen dokumentiert worden. Sie hätten sachlich fair in Relation zum Querschnitt der von öffentlichen Amts- und Funktionsinhabern haarscharf gerade noch legal in Anspruch genommenen (und per Recherche nachgewiesenen) Vorteilen und Vorzugskonditionen bewertet werden sollen. Organisationen wie „Transparency“ oder Plattformen wie „Abgeordneten Check“ hätten Redakteuren, Recher- cheuren, Reportern als Kollaborateure dienen können. Das ganz alltägliche Verhältnis des Bürgers zu Schnäppchen, Freundschaftsdeals und Sonder-Rabatten hätte als Maß für das Wulff’sche Verhalten ermittelt werden und dienen können. Wären, hätten, könnten, sollten – diese „Affäre Wulff“ ist eine Affäre des Ungefähren, Halb-Aufrichtigen, Bigotten, Spekulativen, der Konjunktive.

Man mag den stets akkurat gescheitelten, seriös wie neutral gewandeten und – subjektiv empfunden – gelegentlich ein wenig unsicher, linkisch auftretenden Bundespräsidenten mögen oder auch nicht. Aber aus der Wahrnehmung des Kleinbürgers, des Empfängers von Transferleistungen, des Handwerksmeisters, des subalternen Beamten, der Breite der Bevölkerung wird das Verhalten Christian Wulffs bei der Finanzierung seines Familienheims in Burgwedel offenbar zu gleichen Teilen entweder als nachvollziehbar oder aber als unmöglich und unvereinbar mit seinen Ämtern als Landesvater oder erster Mann im Staat bewertet. Darauf lassen jedenfalls die verschiedenen Umfragen dieser „Skandal-Wochen“ schliessen. Die unvermeidliche Neid-Diskussion mal außen vor gelassen, weil sie bereits beim Nachbarn mit der neueren Leasing-Familienkutsche oder dem sonnigeren Urlaubsziel beginnt. Was ist denn mit Sonderkonditionen für Mitglieder von Vereinen, Verbänden, Gewerkschaften beim Hausbau, dem Auto-Leasing, den smartesten Deals für die smartesten SmartPhones? Was ist mit den „Courtesy Cars“ oder Testfahrzeugen, die Fachredakteuren oder auch gerne mal der Redaktionsleitung von Herstellern oder PR-Agenturen diskret überlassen werden? Schließlich – wer würde nicht geldwerte oder das Leben ein wenig unkomplizierter gestaltende Vorteile annehmen, wenn er nicht gleich seine Seele dafür verkaufen müsste oder gar als Abstauber, als Korrupti geoutet würde? Wer sich und Anderen dabei scheinheilig in die Tasche lügt – dem sollte seine Empörung wie ein gierig vom Gratis-Buffett abgegriffenes und hastig hinabgewürgtes Lachsbrötchen im Halse stecken bleiben.

Profis in dieser gesellschaftlichen Disziplin hingegen beherrschen diese zweifelhafte Kunst mit immer wieder verblüffender Nonchalance und Abgebrühtheit. Umso mehr, wenn sie denn als Salonlöwen oder Bettvorleger-Tiger aus dem Freiwildgehege des medialen Polit-Entertainments den Brocken im Hals mit zwei, drei (gesponsorten) Gläsern Jahrgangs-Brause herunterspülen und sich gegenseitig an der Auflagen-, Quoten- oder Traffic-Hausse dank „Nacktmull Christian“ befeiern. Zum Teufel mit der Aufklärung – her mit den Quoten. Da fällt mir gleich der politisch und in Medienunternehmerkreisen bestvernetzte westdeutsche TV-Produzent ein, der in Kreisen seiner leitenden Nachrichten-Redakteure gerne mal verlauten liess, dass bestimmte politische Hintergründe für „die Amöben da draussen“ (ja, er meinte die Zuschauer eines kommerziellen TV-Senders)  viel zu hoch seien. Krawall- und Empörungsschlagzeilen – gerne. Sofern man sich nicht als Erster vorwagen muss und dabei eventuell angreifbar wird – lasst lieber die Platzhirsche vor, wir röhren dann im Rudelchor lautstark mit. Und wenn es dann ernst wird…treiben wir halt schnell den nächsten „Nacktmull“ durch’s Dorf. Das harte Faktenbrot sollen mal die Anderen backen und kauen. Zuviel Champagner verursacht bekanntlich Aufstossen.

Spüren eigentlich die Prime Time-Moderatoren, Chef-Reakteure und Programm-Dompteure, die Alpha-Journos und Kolumnistchen noch was? Ist es meilenweiter Distanz zum Publikums-„Pleb“ zu verdanken, dass die Medien-„Helden“ der Republik entweder gedan- ken- oder gar skrupellos Vorgänge, Ereignisse, Entwicklungen zwischen Politik und Ge- sellschaft, gesellschaftverändernden Existenznöten und kriminell anmutenden Währungs-Raubzügen global agierender organisierter Finanzvereinigungen nur noch als Stoff für Unterhaltungs-„Content“ begreifen? Nur noch eine Werbeblocklänge entfernt von jenen „scripted reality“ genannten Formaten, die eine vorgebliche und von Autoren fiktiv gestaltete Scheinwirklichkeit so abbilden, als sei diese real. Und in denen Laienschauspieler nach trivialsten Skript-Vorlagen „Hinterdiesinger Bauerntheater“ inszenieren. Die Dramaturgie dieser „scripted reality“-Serien zielt dabei vornehmlich auf die trüberen Publikums-Emotionen wie Sensationsgier, Neid, Schadenfreude, Egobefriedigung und Erhöhung des Selbstwertgefühls. Die niederen Instinkte der Zuschauer werden ange- sprochen – noblere Empfindungen oder Charakterzüge wie Empathie, Mitleid, Verständnis, Vernunft spielen dabei eher keine Rolle. Ethikbewusste Akteure der Medienbranche bezeichnen derlei als „journalistisch gestaltete Dokumentation“ getarntes „Dokutainment“ nicht selten ganz offen als „Sozial-Pornographie“. Der Bundespräsident und sein Umfeld als Protagonisten zwischen „mieten, kaufen, wohnen“, „We are Family“ und „Das Politdschungel- Camp – Holt mich hier raus, ich bin doch Präsident“ ?

Mit politischer Kultur hat der aktuelle Status der Berichterstattung über das offenbar nicht über jeden Zweifel erhabene Verhältnis des amtierenden Bundespräsidenten zu den höchst privaten Annehmlichkeiten, mit denen hohe Würdenträger, BUNTE-VIPs oder Stars aus Film, Fernsehen, Sport und Music-Biz gerne mal hofiert und umgarnt werden, leider nur bedingt zu tun. Mit medialer und somit gesellschaftlicher Un-Kultur hingegen umso mehr. Doch wenn eben diese in die materiellen Niederungen der Auflagen-, Quoten- und Umsatzoptimierung migrierte Kultur der Medienlandschaft, die vor Beginn der digitalen Internet-Ära im Volksmund subsumiert „die Presse“ genannt wurde, von Akteuren wie Profiteuren im Stil einer hemmungslosen Flurbereinigung ihrer gesellschaftlichen Verantwortung beraubt wird, so bedingt und beschleunigt die daraus resultierende gesellschaftliche Verkarstung die Erosion jeglichen Rests politischer Kultur. Und da endet der Spass, mündet die Champagner- und Amuse-Gueule-Sause eventuell in einem sich höchst unappetitlich entleerenden sauren Magen.

Für einen Demokratie-Tempel jedweden Stils bedeutet dies jedoch das Kollabieren tragender Säulen und letztlich auch den Einsturz prächtiger Kuppeln, machtvoller Kapitelle wie Kapitale und das Ende des von den herabstürzenden Trümmern der Demokratie zer- malmten Souveräns eben dieser Gesellschaftsform. Nur bedarf es ohne souveräne Demokraten dann auch keiner politischen Akteure mehr. Ohne Fundament stehen keine Säulen, ohne solide Säulen lassen sich keine Kuppeln, Kapitelle und Kapitale erbauen. Ohne demokratische und gerechte Gesetze gälten auch in der Wirtschaft bedingungslos die Darwinschen Regeln vom Überleben der Brutalsten und der Liquidation der unterliegenden Unternehmen, Konzerne und Branchen. Und damit endete jeglicher evolutionäre Wett- bewerb von Ideen, Idealen, Werten und Verbesserungen – übrig bliebe allenfalls ein seelenloser technokratischer Monolith, dessen monopolistischer Machtapparat sich zwangsläufig als schwarzes Loch erweisen würde. Die Geschichte lehrt bis in die jüngste Vergangenheit hinein genau dieses Naturgesetz, von dem die menschliche Rasse bis dato immer wieder die Grenzen und den Widersinn ihres aller Logik, Ratio und Kultur der Intelligenz widersprechenden archaischen Machtstrebens aufgezeigt bekam.

Diese Metaphern wirken zu pathetisch, zu überkommen, mahnen zu übertrieben? Und wirken daher zu „old school“, zu rückwärts gewandt, zu konservativ? Aber eventuell ist es ja doch so, dass nur wer die verstandenen Lehren aus der Geschichte der Menschheit und der Formen menschlicher Koexistenz und Kollaboration als solide stützendes Wissen im Rücken weiß und nutzt, auch innovative Ideen und Konzepte für nachhaltig gangbare Wege in eine bessere Zukunft erdenken, konzipieren und realisieren kann. Das gilt für „die Medien“ und ihre Herausforderungen – nicht nur – der digitalen Revolution ebenso wie für politische Akteure im Spannungsfeld zwischen dem Machbaren und dem Erforderlichen. Und ganz besonders gilt dies für jene nur nach Profit- und Machtmaximierung gierenden Herrscher in Wirtschaft und Finanzwelt: ohne objektiv wachende und informierende Medien, ihrem Wähler-Souverän verpflichtete Politiker und vor allem ohne nach ihrem freiem Willen entscheidende Gesellschaft wären s i e in Wahrheit die „Kaiser ohne Kleider“, die solcherart bloß gestellt jegliche Macht verlören.

Nacktmulle hinter gläsernen Terrariumswänden dienen letztlich nur als bedauernswerte Beispiele für skurrile Deviationen der Natur. Kinder gruseln sich vor ihnen, Jugendliche finden sie ATOMkrass, Erwachsene bemitleiden sie. Sie sind ebenso ein Teil der Freakshow-Inszenierung wie vor 100 Jahren der Elefantenmensch, Lionel der Löwenmensch oder wasserköpfige „Monster“. Ein Schicksal, das ich beim besten Willen nicht mit dem auch mich repräsentierenden Oberhaupt meines Staates assoziieren kann und will. So – und nun haben alle den präsidialen „Nacktmull“ ausgiebig bestaunt, kommentiert und sich am Reiz ein klein wenig (?) bigotter Gänsehaut erbaut. Und nun weiter mit Merkozy, den EURO-Pleitiers und gerne auch den mit Mäusefäustchen drohenden liberalen Koalitionspartner-Junioren der FDP – it’s all just business as usual.