
Glanz und Glamour adé? (Copyright: Angelika von Stocki)
Berlin (11.01.2012) – Das war’s jetzt aber mit Wulff. Genauer: das war’s jetzt aber mit der „Affäre Wulff“. Oder doch noch ein wenig konkreter: das war’s jetzt aber mit „dieser Affäre Wulff“. Deutschlands Staats- oberhaupt, so scheint es an diesem Mittwoch nach Dreikönig, durfte während der soeben zu Ende gegangenen Weihnachts- ferien als höchst unterhaltsamer „Nacktmull durch’s Dorf getrieben“ werden. Als „Nacktmull“ umschrieb den Bundespräsiden- ten übrigens der umtriebige Autorenkollege Hajo Schuma- cher diesen Montag in „Hart, aber fair“ (ARD). Wie ernst ist es den Aufdeckern, den Moral und Würde anmahnenden Medien-Akteuren, den Chef-Redakteu- ren und Herausgebern wirklich mit einer gesellschaftsübergreifenden Kultur der Ehrlichkeit und des Anstands? Wie alleine steht der Bundespräsident mit seiner Bereitschaft, entsprechend seinem politischen und gesellschaftlichen Aufstieg sich mit ihm offerierten Vorzugsbehandlungen, Sonderrabatten und VIP-Konditionen umgarnen zu lassen, denn wirklich? Ist er nicht gerade daher ein in der Tat repräsentatives Abbild der Mauschel-, Bückwaren- und „Deals unter Freunden“-Mentalität in unserer Gesellschaft, die vermutlich eine überwältigende Mehrheit der Bürger empört und sich ertappt fühlend von sich weisen würde? Der erste Bürger im Staat – umweht vom nicht eben schlossparkettfein penetranten Geruch fauligen Kungelei-Gemauschels, gehetzt von den Leitwölfen einer Medienmeute … die ganz offenbar „nur spielen“ wollte. Wenn es denn je e r n s t h a f t um die Aufklärung „dieser Affäre Wulff“ gegangen wäre, wenn …
Dann wären die bisherigen „Enthüllungen“, scharfen Nachfragen zu Wulffs Privat- und Bankkredit, zu den eventuell sehr wohl möglichen Verknüpfungen der Minister- und Präsi- dentenämter unseres aktuell obersten Staatsrepräsentanten mit den ihm von „Freunden“ und wohlmeinenden Geschäftspartnern gewährten Vorzugs- und Freundschaftsangeboten durch unbestechliche und seriöse Recherchen dokumentiert worden. Sie hätten sachlich fair in Relation zum Querschnitt der von öffentlichen Amts- und Funktionsinhabern haarscharf gerade noch legal in Anspruch genommenen (und per Recherche nachgewiesenen) Vorteilen und Vorzugskonditionen bewertet werden sollen. Organisationen wie „Transparency“ oder Plattformen wie „Abgeordneten Check“ hätten Redakteuren, Recher- cheuren, Reportern als Kollaborateure dienen können. Das ganz alltägliche Verhältnis des Bürgers zu Schnäppchen, Freundschaftsdeals und Sonder-Rabatten hätte als Maß für das Wulff’sche Verhalten ermittelt werden und dienen können. Wären, hätten, könnten, sollten – diese „Affäre Wulff“ ist eine Affäre des Ungefähren, Halb-Aufrichtigen, Bigotten, Spekulativen, der Konjunktive.
Man mag den stets akkurat gescheitelten, seriös wie neutral gewandeten und – subjektiv empfunden – gelegentlich ein wenig unsicher, linkisch auftretenden Bundespräsidenten mögen oder auch nicht. Aber aus der Wahrnehmung des Kleinbürgers, des Empfängers von Transferleistungen, des Handwerksmeisters, des subalternen Beamten, der Breite der Bevölkerung wird das Verhalten Christian Wulffs bei der Finanzierung seines Familienheims in Burgwedel offenbar zu gleichen Teilen entweder als nachvollziehbar oder aber als unmöglich und unvereinbar mit seinen Ämtern als Landesvater oder erster Mann im Staat bewertet. Darauf lassen jedenfalls die verschiedenen Umfragen dieser „Skandal-Wochen“ schliessen. Die unvermeidliche Neid-Diskussion mal außen vor gelassen, weil sie bereits beim Nachbarn mit der neueren Leasing-Familienkutsche oder dem sonnigeren Urlaubsziel beginnt. Was ist denn mit Sonderkonditionen für Mitglieder von Vereinen, Verbänden, Gewerkschaften beim Hausbau, dem Auto-Leasing, den smartesten Deals für die smartesten SmartPhones? Was ist mit den „Courtesy Cars“ oder Testfahrzeugen, die Fachredakteuren oder auch gerne mal der Redaktionsleitung von Herstellern oder PR-Agenturen diskret überlassen werden? Schließlich – wer würde nicht geldwerte oder das Leben ein wenig unkomplizierter gestaltende Vorteile annehmen, wenn er nicht gleich seine Seele dafür verkaufen müsste oder gar als Abstauber, als Korrupti geoutet würde? Wer sich und Anderen dabei scheinheilig in die Tasche lügt – dem sollte seine Empörung wie ein gierig vom Gratis-Buffett abgegriffenes und hastig hinabgewürgtes Lachsbrötchen im Halse stecken bleiben.
Profis in dieser gesellschaftlichen Disziplin hingegen beherrschen diese zweifelhafte Kunst mit immer wieder verblüffender Nonchalance und Abgebrühtheit. Umso mehr, wenn sie denn als Salonlöwen oder Bettvorleger-Tiger aus dem Freiwildgehege des medialen Polit-Entertainments den Brocken im Hals mit zwei, drei (gesponsorten) Gläsern Jahrgangs-Brause herunterspülen und sich gegenseitig an der Auflagen-, Quoten- oder Traffic-Hausse dank „Nacktmull Christian“ befeiern. Zum Teufel mit der Aufklärung – her mit den Quoten. Da fällt mir gleich der politisch und in Medienunternehmerkreisen bestvernetzte westdeutsche TV-Produzent ein, der in Kreisen seiner leitenden Nachrichten-Redakteure gerne mal verlauten liess, dass bestimmte politische Hintergründe für „die Amöben da draussen“ (ja, er meinte die Zuschauer eines kommerziellen TV-Senders) viel zu hoch seien. Krawall- und Empörungsschlagzeilen – gerne. Sofern man sich nicht als Erster vorwagen muss und dabei eventuell angreifbar wird – lasst lieber die Platzhirsche vor, wir röhren dann im Rudelchor lautstark mit. Und wenn es dann ernst wird…treiben wir halt schnell den nächsten „Nacktmull“ durch’s Dorf. Das harte Faktenbrot sollen mal die Anderen backen und kauen. Zuviel Champagner verursacht bekanntlich Aufstossen.
Spüren eigentlich die Prime Time-Moderatoren, Chef-Reakteure und Programm-Dompteure, die Alpha-Journos und Kolumnistchen noch was? Ist es meilenweiter Distanz zum Publikums-„Pleb“ zu verdanken, dass die Medien-„Helden“ der Republik entweder gedan- ken- oder gar skrupellos Vorgänge, Ereignisse, Entwicklungen zwischen Politik und Ge- sellschaft, gesellschaftverändernden Existenznöten und kriminell anmutenden Währungs-Raubzügen global agierender organisierter Finanzvereinigungen nur noch als Stoff für Unterhaltungs-„Content“ begreifen? Nur noch eine Werbeblocklänge entfernt von jenen „scripted reality“ genannten Formaten, die eine vorgebliche und von Autoren fiktiv gestaltete Scheinwirklichkeit so abbilden, als sei diese real. Und in denen Laienschauspieler nach trivialsten Skript-Vorlagen „Hinterdiesinger Bauerntheater“ inszenieren. Die Dramaturgie dieser „scripted reality“-Serien zielt dabei vornehmlich auf die trüberen Publikums-Emotionen wie Sensationsgier, Neid, Schadenfreude, Egobefriedigung und Erhöhung des Selbstwertgefühls. Die niederen Instinkte der Zuschauer werden ange- sprochen – noblere Empfindungen oder Charakterzüge wie Empathie, Mitleid, Verständnis, Vernunft spielen dabei eher keine Rolle. Ethikbewusste Akteure der Medienbranche bezeichnen derlei als „journalistisch gestaltete Dokumentation“ getarntes „Dokutainment“ nicht selten ganz offen als „Sozial-Pornographie“. Der Bundespräsident und sein Umfeld als Protagonisten zwischen „mieten, kaufen, wohnen“, „We are Family“ und „Das Politdschungel- Camp – Holt mich hier raus, ich bin doch Präsident“ ?
Mit politischer Kultur hat der aktuelle Status der Berichterstattung über das offenbar nicht über jeden Zweifel erhabene Verhältnis des amtierenden Bundespräsidenten zu den höchst privaten Annehmlichkeiten, mit denen hohe Würdenträger, BUNTE-VIPs oder Stars aus Film, Fernsehen, Sport und Music-Biz gerne mal hofiert und umgarnt werden, leider nur bedingt zu tun. Mit medialer und somit gesellschaftlicher Un-Kultur hingegen umso mehr. Doch wenn eben diese in die materiellen Niederungen der Auflagen-, Quoten- und Umsatzoptimierung migrierte Kultur der Medienlandschaft, die vor Beginn der digitalen Internet-Ära im Volksmund subsumiert „die Presse“ genannt wurde, von Akteuren wie Profiteuren im Stil einer hemmungslosen Flurbereinigung ihrer gesellschaftlichen Verantwortung beraubt wird, so bedingt und beschleunigt die daraus resultierende gesellschaftliche Verkarstung die Erosion jeglichen Rests politischer Kultur. Und da endet der Spass, mündet die Champagner- und Amuse-Gueule-Sause eventuell in einem sich höchst unappetitlich entleerenden sauren Magen.
Für einen Demokratie-Tempel jedweden Stils bedeutet dies jedoch das Kollabieren tragender Säulen und letztlich auch den Einsturz prächtiger Kuppeln, machtvoller Kapitelle wie Kapitale und das Ende des von den herabstürzenden Trümmern der Demokratie zer- malmten Souveräns eben dieser Gesellschaftsform. Nur bedarf es ohne souveräne Demokraten dann auch keiner politischen Akteure mehr. Ohne Fundament stehen keine Säulen, ohne solide Säulen lassen sich keine Kuppeln, Kapitelle und Kapitale erbauen. Ohne demokratische und gerechte Gesetze gälten auch in der Wirtschaft bedingungslos die Darwinschen Regeln vom Überleben der Brutalsten und der Liquidation der unterliegenden Unternehmen, Konzerne und Branchen. Und damit endete jeglicher evolutionäre Wett- bewerb von Ideen, Idealen, Werten und Verbesserungen – übrig bliebe allenfalls ein seelenloser technokratischer Monolith, dessen monopolistischer Machtapparat sich zwangsläufig als schwarzes Loch erweisen würde. Die Geschichte lehrt bis in die jüngste Vergangenheit hinein genau dieses Naturgesetz, von dem die menschliche Rasse bis dato immer wieder die Grenzen und den Widersinn ihres aller Logik, Ratio und Kultur der Intelligenz widersprechenden archaischen Machtstrebens aufgezeigt bekam.
Diese Metaphern wirken zu pathetisch, zu überkommen, mahnen zu übertrieben? Und wirken daher zu „old school“, zu rückwärts gewandt, zu konservativ? Aber eventuell ist es ja doch so, dass nur wer die verstandenen Lehren aus der Geschichte der Menschheit und der Formen menschlicher Koexistenz und Kollaboration als solide stützendes Wissen im Rücken weiß und nutzt, auch innovative Ideen und Konzepte für nachhaltig gangbare Wege in eine bessere Zukunft erdenken, konzipieren und realisieren kann. Das gilt für „die Medien“ und ihre Herausforderungen – nicht nur – der digitalen Revolution ebenso wie für politische Akteure im Spannungsfeld zwischen dem Machbaren und dem Erforderlichen. Und ganz besonders gilt dies für jene nur nach Profit- und Machtmaximierung gierenden Herrscher in Wirtschaft und Finanzwelt: ohne objektiv wachende und informierende Medien, ihrem Wähler-Souverän verpflichtete Politiker und vor allem ohne nach ihrem freiem Willen entscheidende Gesellschaft wären s i e in Wahrheit die „Kaiser ohne Kleider“, die solcherart bloß gestellt jegliche Macht verlören.
Nacktmulle hinter gläsernen Terrariumswänden dienen letztlich nur als bedauernswerte Beispiele für skurrile Deviationen der Natur. Kinder gruseln sich vor ihnen, Jugendliche finden sie ATOMkrass, Erwachsene bemitleiden sie. Sie sind ebenso ein Teil der Freakshow-Inszenierung wie vor 100 Jahren der Elefantenmensch, Lionel der Löwenmensch oder wasserköpfige „Monster“. Ein Schicksal, das ich beim besten Willen nicht mit dem auch mich repräsentierenden Oberhaupt meines Staates assoziieren kann und will. So – und nun haben alle den präsidialen „Nacktmull“ ausgiebig bestaunt, kommentiert und sich am Reiz ein klein wenig (?) bigotter Gänsehaut erbaut. Und nun weiter mit Merkozy, den EURO-Pleitiers und gerne auch den mit Mäusefäustchen drohenden liberalen Koalitionspartner-Junioren der FDP – it’s all just business as usual.