Edathy, der Vorverurteilte

Kommentar

Berlin, 18.12.2014. Als Edathy sich aus dem öffentlichen Leben heraushielt, dachte ich: Der Mann wird ein neues Gesicht brauchen, wenn er weiter leben will. Er lebt weiter, und er hat ein neues Gesicht. Der strahlende Ikarus, der beim Himmelflug der Sonne mit seinen Federflügeln, die mit Pech zusammen geklebt waren, zu nahe kam und abstürzte, weil das Pech schmolz und die Federn auseinander fielen, das könnte auch dieser Sebastian Edathy sein. Ikarus war tot nach seinem Absturz.

Edathy sein Leben ist auch dahin. Das sehe ich in seinem neuen Gesicht. Unabhängig davon, dass der ehemalige Bundestagsabgeordnete Edathy – immerhin fünf Mal als Direktkandidat seines Wahlkreises in den Deutschen Bundestag gewählt und als erfolgreicher SPD-Parteipolitiker profiliert, einen wachen Geist hat, redegewandt ist und gewillt zu sein scheint, sein neues Gesicht anzunehmen: Er ist nicht vorverurteilt im strafrechtlichen Sinne, er ist verurteilt im moralischen Kollektiv. Selbst jene Nachbarn, die keine Kinder haben und einen einfachen Verstand erklären ihre Ablehnung gegenüber Alpha-Tieren, die sich in der Fantasie oder in echt sexuell mit Kindern beschäftigen. Da ist jedes Mitgefühl verspielt. Da gibt es keinen Freund mehr. Edathy wird mit dem Tode bedroht. Das zeigt sein neues Gesicht. Nicht nur seine Worte dazu.

Die Karriere geht zu Ende – früher oder später als Lebensabschnitt, aber ein Ende des Lebens mitten im Leben und dann noch weiter leben – das ist eine endlose Qual. Edathy ist nie mehr privat, er ist isoliert.

Ist es das, was die Verfechterinnen und Verfechter der Kinder- und Jugendschutzrechte wollen? Und was ist mit den anderen Grundrechten und Täter-Opferverfahren? Edathy ist ein lebender Toter. Wie die vielen Kinder, die Edathy nie angefasst haben mag, aber auf irgendwelchen Fotos und Videos mehr oder weniger kommerzieller Anbieter im Erwachsenleben sich tot oder leer fühlen, weil sie erotisch viel zu früh ausgebeutet wurden? Ist Edathy ein Pädophiler? Ich war nicht dabei, als er sich Kinderbildchen reinzog, um seine Geilheit auszuleben. Die Fotos und Videos waren schon da.

Sicher war der Mann Edathy, der Mensch, nicht bei Verstand, als er geil war. Wohl war er auch nicht bei einer Frau oder einem Mann oder einem Kind. Er war allein – vor dem Computerbildschirm. Nach anstrengenden Sitzungen im Deutschen Bundestag oder nach Veranstaltungen und Bürgersprechstunden in seinem Wahlkreis. Er war allein mit seinen riskanten Leidenschaften. Und diejenigen, die mal dabei waren, verleugnen es vehement. Wegen der Karriere. Nicht wegen der Opfer, die zügelloses Verhalten mit sich bringt.

Nichts ist bewiesen und nur weniges beweisbar. Vielleicht war Edathy einfach zu vertrauensseelig zu einigen Parteikollegen. Und anderen ein Dorn im Auge, weil er fachlich gut war und Karrierechancen hatte. (franziska sylla, Berlin, 19.12.2014, LÄ 20.12.2014, 14.30 h)

Hier geht es zum Video in voller Länge: Edathy in der Bundespressekonferenz, Berlin, 18.12.2014.



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