Archive für die ‘Aus aller Welt’ Kategorie

Leserbrief. „Was gesagt werden muß“ von Günter Grass

8. April 2012

Leserbrief von Achim Wolf

Günter Grass weist auf die von Israels Atommacht ausgehende Gefahr in, ohne dabei die Bedrohung durch den Iran zu verharmlosen. Er mag dabei ein deutsches Tabu brechen, das sich Deutschlands Politiker aus Angst und falscher Hörigkeit selbst auferlegt haben, weil es politisch unkorrekt sei, Israels Führung zu kristisieren, koste es was es wolle.

Grass wünscht von den Verantwortlichen in Israel und im Iran den endgültigen Verzicht auf gegenseitige Gewalt, um eine Eskalation zu verhindern, daran ist nichts falsch. Alle, die Grass jetzt zum Hassprediger abstempeln wollen, haben das sogenannte Gedicht entweder nicht gelesen oder sie können bzw. wollen die von ihm benannten Tatsachen der Wirklichkeit nicht neutral sehen und bewerten. (Mannheim, 4. April, 2012)

E-Mail: achiwo @ gmx .net

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Staatsbesuch des mongolischen Präsidenten in Europa

3. April 2012

Erstmals empfing der neue Bundespräsident Joachim Gauck (parteilos) den mongolischen Präsidenten Tsakhia Elbegdorj in Deutschland

Bundespraesident Joachim Gauck begruesst den mongolischen Praesidenten Tsakhia Elbegdorj

Bundespräsident Gauck begruesste den mongolischen Praesidenten Tsakhia Elbegdorj. (Foto: © Angelika von Stocki)

Berlin, 29.3.2012. Station in Deutschland, Berlin. (Foto v. r. n. l.) Erstmals empfing der neue Bundespräsident Joachim Gauck (parteilos) den mongolischen Präsidenten Tsakhia Elbegdorj in Deutschland. Neben dem mongolischen Präsidenten steht dessen Ehefrau Khajidsuren Bolormaa. Neben ihr rahmt die Lebensgefährtin Daniela Schadt von Bundespräsident Gauck die Staasgäste ein. 

Nach Berlin stehen bis Sonntag auch Hamburg und Nordrhein-Westfalen auf dem Terminplan des mongolischen Präsidentenpaares. (fs, LÄ 3.4.2012)

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Bis zum letzten Herzschlag: Kriegsreporterin Marie Colvin in Syrien getötet

23. Februar 2012

Von Stefan Jalowy

Djakova steht in Flammen. Fotograf Nadav, unser “gemieteter” albanischer Polizist aus Tropoje, zwei in Halbzivil gekleidete albanische Grenzsoldaten und ich stehen neben dem kleinen Zweimannbunker an der Grenze zum Kosovo und filmen, fotografieren Rauchsäulen, die von der Kleinstadt in etwa 15 Kilometern Entfernung aufsteigen. Die an der Bergflanke unter uns gelegenen Häuser sind grösstenteils zerstört. Die Dächer ausgebrannt, Hauswände weggesprengt, umringt von flachen Detonationstrichtern, in denen Mörsergranaten krepiert waren. Schweiss und Herzklopfen, eine Zigarette. Im ZickZack-Lauf waren wir durch den Feuerbereich jugoslawischer Scharfschützen gerannt. 300 Meter über Felsschotter. Schüsse, Querschläger und das Wissen, dass der Gefechtsdrill der Armee nun doch einmal überlebenswert geworden war.  Eine halbe Stunde später würden wir den gleichen Weg zurück laufen müssen. Um unser Leben. “This could be the last picture which is taken from me, my friend – Das könnte das letzte Bild sein, das von mir gemacht wird,mein Freund”, scherzt Nadav, als ich ihn in der Szene filme.

Der israelische Fotograf und ich waren am Morgen im Schutz des Frühnebels von einem lokalen Mafia-Paten aus Bairam Curri über das kilometerbreite Plateau in Richtung des Grenzgebirges chauffiert worden. Entsetzlich langsam quälte sich der schwere “Mitsubishi”-Geländewagen durch die tiefen, schlammweichen Fahrrinnen. Unsere Blicke klebten an der Hügelkette im Süden, von wo aus jugoslawische Artilleriebeobachter aus Wachtürmen das Feuer der schweren 105-Millimeter-Geschütze dirigierten. Das Plateau war die Hauptnachschubverbindung für die Rebellen-Einheiten der kosovarischen UCK. Und lag deswegen regelmässig unter schwerem Artilleriefeuer. Mit Fledermausohren warteten wir auf das dumpf wummernde Bellen von Geschützabschüssen, die schweissnassen Finger an den Öffnungsriegeln der Autotüren. Bereit sofort aus dem Auto zu springen und … ja, wohin…in Sicherheit, in Deckung zu laufen und uns in den Schlamm zu werfen. Es ging gut. Keine Abschüsse. Wir lernten den Schlamm nicht kennen und alles Andere auch nicht. Auch unseren Rückweg durch die Sniper-Zone im Gebirge überstanden wir. Zurück in der obskuren  Absteige des Schmugglernests Bairam Curri gönnen wir uns auf unsere Rückkehr drei doppelte “Skenderbeg”, albanischen Cognac.

Und dann steht diese schlanke, grosse Frau mit hochgesteckten blonden Haaren in ihrer mittelblauen Trekking-Jacke und einer Splitterweste im Hintereingang des Hotels. Radebrecht mit unserem “Mafia-Chauffeur”. Einen kleinen Rucksack auf dem Rücken, eine “Nikon” über der Schulter. Rauchend treten wir auf sie zu. “Ihr Jungs wart heute da oben in den Bergen an der Grenze – von da aus soll man zu den Stellungen der UCK kommen. Wie seid ihr da rauf…?” Wir raten ihr ab, da oben gäbe es nicht eben  nur gelegentliche Scharmützel, sondern einen regelrechten Stellungskrieg zwischen Rebellen und der jugoslawischen Armee.  Die Zahl der Gefallenen auf Seiten der UCK teilweise bis zu einem Dutzend an zwei oder drei Tagen, von der Zahl an Leicht- oder Schwerverwundeten ganz zu schweigen. Ja, unser “Mafia-Chauffeur” sei vertrauenswürdig – abhängig vom cash gezahlten “Taxipreis”. Ja, er fahre sie sicher in die Berge. Nein, wir würden ihr dringend abraten. Zu dritt nehmen wir im Hotel noch ein, zwei Bier und – am nächsten Morgen ist Marie weg. Der “Mitsubishi” des “Mafia-Paten” auch… Fotograf Nadav und ich sind am gleichen Tag aus Bairam Curri in das Flüchtlingszentrum im nordalbanischen Kukes abgereist.

Einen Tag später sitzen wir in der vom Journalisten-Korps bevölkerten “Bar California”, als Marie in Splitterweste und mit Rucksack auftaucht, sich neben uns auf einem Stuhl niederlässt und von ihrem Besuch in den UCK-Stellungen erzählt. Es gab noch keine SmartPhones oder Notebooks, sondern eher klobigschwere Laptops. Noch während sie von dem archaisch anmutenden Grabenkrieg zwischen Rebellen und serbischen Einheiten erzählt, beginnt sie ihren Bericht zu tippen. “Willst Du nicht wenigstens Deine Splitterweste ausziehen”, schlägt Nadav vor und hilft ihr, den unhandlichen Körperschutz abzulegen. “Die ist aber leicht”, wundert er sich und öffnet den Klettverschluss auf der Brustseite, durch den die schützen und (hoffentlich lebensrettenden) Kevlar-Platten eingesetzt werden. Er hält inne, schaut zu Marie, schaut zu mir…”…leer, da war ja gar nichts drin…” Das Gleiche auf der Rückseite – leer, keine Kevlar-Platte, kein Schutz. Ein Splitter oder ein Geschoss wäre glatt durch den vermeintlichen Schutz gefahren und hätte Maries Körper schwer verletzt. Marie Colvin schaut auf, grinst und meint lakonisch: “Oh…ich dachte auch die ganze Zeit, die “flak vest” wär’ aber leicht….na ja, die haben ja auch nicht auf mich direkt geschossen.”

Marie ist tot. Zusammen mit dem jungen französischen Fotografen Rémi Ochlik starb Marie Colvin gestern Homs / Syrien. Dort sollen seit etwa drei Wochen Streitkräfte unter dem Befehl des syrischen Staatspräsidenten Assad die als Zentrum des Widerstands gegen den seit über 40 Jahren regierenden Assad-Clan geltende Stadt systematisch bombardieren. Mit Artillerie, Panzern und Katjuscha-Raketen beschiessen. Mit Scharfschützen Jagd auf Zivilisten machen. Menschenjagd auf Männer, Frauen, Kinder, Alte, Verwundete, Wehrlose. Das berichtet die Handvoll Journalisten, die sich auf inoffiziellen Wegen aus dem Libanon in das mittelasiatische Land gewagt haben. Inoffiziell, weil das Regime den wenigen in Damaskus offiziell akkreditierten Journalisten Bilder, Plätze und Augenzeugen präsentiert, bei denen es sich wohl vor allem um Propaganda handeln dürfte. Die vom Regime konstruierte oder zurecht gebogene “Wahrheit”, nach der Terroristen – angeblich unterstützt von ausländischen Mächten – Soldaten, Polizisten, Beamte und regimetreue Syrer ermorden, um einen Umsturz zu erzwingen. Von aussen ist es schwer, nein – es ist für Journalisten unmöglich, von aussen zwischen Wahrheit und Propaganda zu unterscheiden. Zumal beide Seiten eventuell versuchen, gräuliche  Verbrechen an der Menschlichkeit der jeweils anderen Seite zu unterstellen.

Der einzige Weg der Wahrheit näher zu kommen, ist der Weg, der Marie Colvin, Rémi Ochlik und ein knappes Dutzend weiterer Reporterinnen und Reporter in das am schwersten von den Kampfhandlungen betroffene Arbeiterviertel Baba al-Amr, eine Hochburg der Regierungsgegner in Homs, geführt hat. Nur wenige Stunden vor ihrem Tod berichtete sie live per Satellitentelefon in den Nachrichtensendungen von BBC, CNN, ITNnews und Channel 4 über das grauenhafte Sterben und Leiden der Zivilbevölkerung in Homs: “Ununterbrochen treffen Artilleriegranaten, Raketen, Panzergeschosse dieses zivile Stadtviertel von Homs”, schilderte sie die Lage. “Ich habe heute ein Baby sterben sehen. Es ist absolut grauenvoll.” Gerüchte kursieren , dass die syrische Militärführung angesichts dieser Live-Berichte auf den internationalen TV-Kanälen den Befehl gegeben haben könnte, das improvisierte Pressezentrum der Rebellen in Baba al-Amr gezielt anzugreifen. Die technisch gut gerüsteten Armee-Einheiten könnten dann die Signale der Funktelefone angepeilt haben – um so mit einem gezielten Artillerieschlag die Stimmen der Wahrheit zum Schweigen zu bringen.

Nach Berichten von einigen der überlebenden Journalisten waren Marie und Rémi in Deckung gegangen, als eine Artilleriegranate in dem Medienzentrum der Rebellen detoniert war. Sie warteten einige Minuten, bis das begleitende Gewehrfeuer der Scharfschützen erstarb und wollten von dem Eingang des Gebäudes auf die gegenüberliegende Strassenseite laufen. In genau diesem Augenblick explodierte eine Werfersalve aus etwa zehn Katjuscha-Raketen unmittelbar in der Hausfront – und tötet die beiden Journalisten auf der Stelle. Marie Colvin, 56 Jahre alt und seit 1986 für die britische “Sunday Times” als Berichterstatterin im Nahen Osten, Sri Lanka, Ost-Timor, auf dem Balkan und in Tschetschenien tätig, starb gemeinsam mit dem 29 Jahre jungen französischen Fotografen Rémi Ochlik, der erst vor wenigen Tagen für seine beklemmenden Fotoserien aus dem libyschen Bürgerkrieg mit dem “World Press Photo Award” – dem “Oscar” des Bildjournalismus – ausgezeichnet worden war.

Marie war eine der Ausnahme-Journalistinnen unserer Generation. Ursprünglich hatte sie an der Elite-Universität Yale Anthropologie studiert. Ein Jahr nach Abschluss ihres Studiums begann sie in New York als Polizeireporterin bei der Nachrichtenagentur “United Press International” (UPI). Fünf Jahre lang war sie jede Nacht als Chronistin des Lebens und Sterbens, der kleinen und grossen menschlichen Dramen, der unfassbaren wie alltäglichen menschlichen Abgründe auf den Strassen New Yorks unterwegs gewesen. Nach einem Intermezzo als Leiterin des Pariser Büros von UPI begann sie 1985 bei der “Sunday Times”, der Sonntagsausgabe der altehrwürdigen “Times”. Ein Jahr später wurde sie Korrespondentin für den Mittleren Osten, schuf sich enormes Wissen und ein weitgespanntes Netz an Kontakten überall in der Region.

Dank ihrer wissenschaftlichen Ausbildung als Völkerkundlerin und sicherlich besonders aufgrund ihrer natürlichen Empathie, der Gabe zuzuhören und sich in die Gesprächspartner hineinzuversetzen, konnte sich die Amerikanerin in fast allen Ländern und Kulturen der Region so vertraut bewegen, als wäre sie eine “gute Bekannte” ihrer Protagonisten. Vor allem aber: Marie Colvin misstraute Informationen aus zweiter Hand, Gerüchten oder offiziellen Verlautbarungen. Sie begab sich selbst an den Ort der Geschehnisse. Schaute sich um. Fragte, hinterfragte und überprüfte selbst das, was sie gesehen hatte. Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges – und die Lüge der Nebelwerfer der Profiteure des blutigen Abschlachtens von Menschen. Von Soldaten wie von Zivilisten. Von Wehrlosen wie von Verführten und Gepressten, von Fanatikern wie von Idealisten. “Krater. Brennende Häuser. Geschändete Körper. Frauen, die um ihre Kinder und Männer weinen. Männer, die um ihre Frauen, Mütter, Kinder weinen. Unsere Mission ist es, über diese Schrecken des Krieges mit äusserster Genauigkeit und ohne Vorurteil zu berichten.” Auszug einer Rede, die Marie 2010 anlässlich einer Gedenkfeier für die in Ausübung ihres Berufes gestorbenen Kriegsreporter hielt.

Marie war eine Reporterin, wie sie im Kreis der internationalen Medien selten anzutreffen ist. Dort, wo sich die Kollegen und Kolleginen um Pressezentren, Hotelbars, Satelliten-Uplinks und die Rudel örtlichen Zuträger und Einflüsterer ballten und auf die neusten Nachrichten, Gerüchte oder Einladungen zu “interessanten Presseführungen” von “interessierter Seite” warteten, war Marie meist nur kurz anzutreffen. Ein heisses Bad, eine kräftige Mahlzeit, die Akkus der Kamera oder des Laptops aufladen. Und dann war Marie wieder “an der Front”. Alleine. Sich zurecht findend. Von vertrauenswürdigen Kontakten an die Schlupflöccher geführt, durch die ein mutiger Berichterstatter dorthin gelangte, wo all die Pressekonvois nicht hingelangten. Mitten hinein ins Geschehen. Doch statt sich mit den Akteuren zeitweilig zu verbünden – suchte Marie die Opfer der Kriege und Gräueltaten auf. Lebte mit ihnen. Ein paar Stunden, ein paar Tage. Hörte. Schaute. Registrierte. Und verstand. Verstand nur zu gut die Verzweiflung, die Angst, die Aussichtlosigkeit und das Elend jener Menschen, deren Schicksal es war, ohne Verschulden zwischen die Fronten zu geraten. Sie wurde für ihre aufrüttelnden Reportagen mit Preisen geehrt. Und sie bezahlte selbst einen hohen Preis für ihr Engagement zugunsten der Menschlichkeit und nicht des Ruhmes wegen.

Als sie 2001 über den jahrelangen Bürgerkrieg zwischen den “Tamilischen Tigern” und der Armee von Sri Lanka berichtete, sich bei von beiden Seiten drangsalierten und gequälten Bauern aufhielt – geriet sie auf dem Rückweg aus dem Rebellengebiet in eine Armee-Patrouille. Als sie “Journalist, Journalist” rief…eröffneten die Soldaten das Feuer. Eine RPG-Granate detonierte unmittelbar vor ihr. Marie erlitt schwerste Splitterverletzungen am Kopf und an den Augen. Obwohl sie auf Initiative der US-Botschaft binnen Stunden in die USA repatriiert wurde, konnten selbst Spezialisten ihr linkes Augen nicht retten.

“Sie haben mir natürlich jeden Schreibtisch angeboten, den ich haben wollte”, schilderte sie in unserer Mail-Korrespondenz zu Beginn ihrer Reha-Behandlung die Bemühungen der “Sunday Times” um die tapfere Ausnahmejournalistin. Selbst Medienzar Rupert Murdoch, Besitzer der “Times”-Gruppe, schaltete sich ein. “Aber ich kann das nicht annehmen. Ich muss raus “in the field”, zu den Menschen, denen sonst niemand zuhört. Deren Schreie um Hilfe die Welt nicht hört.” Trotz ihrer eingeschränkten Sehfähigkeit war Marie bald wieder als Berichterstatterin unterwegs. Mit schwarzer Augenklappe. Und mit genauerem Blick als  Dutzende Augen jener “Reporter-Darsteller”, für die das Elend der Kriege und Pogrome, der Massaker und Massakrierten nur die makabre Bühne für den eigenen Anspruch auf Ruhm, Berühmtheit, Chefredakteurs-Posten und lukrative Buchverträge war. Ein schärferer Blick als jener dieser deutschen TV-Korrespondentin, die inmitten des Flüchtlingselends im nordalbanischen Kukes in jenem April 1999 nur auf den “toootaaal knackigen, geilen Arsch meines Kameramanns, den ich mir aus Australien hab einfliegen lassen” schauen konnte. Und nicht auf jene Mutter, die ihr in ein Deckenbündel gewickeltes totes Baby nicht aus den Armen lassen und den Rotkreuz-Helfern übergeben wollte. Und die nur wenige Schritte von jenem Pizzalokal entfernt auf einer Mauer hockte.

Marie war keine jener “Alpha-Journalisten”, für die ein ganzer Tross an Rechercheuren, örtlichen Stringern, Producern, Masken- und Kostümbildner vor Ort alles vorbereitete, damit die “Berichterstatter” aus klimatisierten “Hummer” entsteigen konnten, das Gesicht mit einem Hauch Staub und Schweissperlen aus der Sprühdose schminken lassen…um dann zu den von Kamerateams im Alleingang gedrehten Bildern mit Pathos in der Stimme der Welt zu berichten, dass “wir hier heute unsägliche Gräueltaten der Armee an Zivilisten, Babies und Greisen gesehen haben.” Nur dass diese weltberühmten Reporter erst eine Stunde zuvor per gechartertem Helikopter eingeflogen worden waren und zwei Stunden davor überhaupt erst aus den Staaten kommend auf dem Flughafen des Balkanlandes eingetroffen waren.

Für Marie sind…waren Berichte aus Kriegsgebieten weder Entertainment noch beliebig von Politikern oder Profiteuren zu missbrauchender Propaganda-Content. Marie war die Stimme der stummen Opfer der Kriege. Ihre Reportagen und Berichte trugen die Hilfeschreie der Ungehörten in die Welt. Ihre letzten Live-Berichte in den Nachrichtensendungen der internationalen TV-Sender hatten die Weltgemeinschaft auf das Schicksal der Menschen in Syrien stossen sollen: “Die Einwohner von Homs erwarten ein Massaker.” Als die Einwohner der langsam massakrierten Stadt Homs vom Tod von Marie Colvin und Remi Ochlik erfuhren, zogen sie ungeachtet der ungehindert weiter auf sie schiessenden Scharfschützen auf die Strassen. Sie beweinten und beklagten die beiden toten Kriegsreporter als “Stimmen der Wahrheit” mit Gesängen der Trauer. Ein Gesang, den die wenigsten in Deutschland gehört haben dürften. Marie und Rémi waren ja auch keine deutschen Journalisten. Und die Menschen von Homs – vielleicht das eine oder andere gruselige Bild oder ein paar blutige Sekunden in einem Nachrichtenbeitrag wert. Staffage in einem Geschäft, das eine reichlich satte, sichere und distanzierte Lämmerschar mit Infotainment versorgt. Für den schnellen Horror-Kick vor der abendlichen Bürgerruhe mit Romantikfilm und Tiefkühl-Pizza.

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Drei TV-Dokumentationen zu Afghanistan

1. Dezember 2011

Wahrheiten: Afghanistan in drei TV-Dokumentationen

„Der Junge Mir“ (arte)

„Der Junge Mir“ (arte) (Foto: © Arte)

Der Junge Mir“ (arte), „So nah am Tod“  und „Hindukusch und zurück“ (ARD)

Berlin, 1.12.2011. Am 5. Dezember versammeln sich 90 Delegationen mit insgesamt 1.000 Menschen in Bonn, um im Rahmen einer Außenministerkonferenz über das weitere Engagement der internationalen Staatengemeinschaft für Afghanistan zu beraten. Zehn Jahre nach der Petersberg-Konferenz, bei der die Demokratisierung der „Islamischen Republik Afghanistan“ beschlossen und – zunächst interimsweise – der Paschtune Hamid Karzai als Präsident gewählt wurde, sollen die Weichen für die Zukunft des Landes nach dem Abzug der ISAF-Truppen und der vollständigen Übernahme der Sicherheitsverantwortung durch die afghanischen Behörden gestellt werden. Dass in Afghanistan ab 2014 himmlischer Frieden herrschen wird, bezweifeln nicht nur Skeptiker und Vertreter von Menschenrechtsorganisationen. Möglich – wenn nicht sogar sehr wahrscheinlich – ist ein dann rasch sich entwickelnder Kampf um die Vorherrschaft in den Provinzen und Distrikten, der von Stammes- fürsten, lokalen Warlords (sprich: einheimischen Mafia-Paten) und den in den letzten Jahren wieder nachhaltig sich festsetzenden islamistischen Taliban-Extremisten geführt werden dürfte.

Unter dem Einfluss der in Afghanistan seit einem Jahrzehnt tätigen internationalen Organisationen hat sich das Leben der afghanischen Bevölkerung in bestimmten „zivilisatorischen“ Aspekten zweifellos positiver entwickelt, als es noch vor zehn Jahren absehbar war. Es gibt eine – mehr oder weniger – freie Presse, einheimische Rundfunk- und Fernsehsender, Produkte wie Computer oder Mobiltelefone sind erhältlich und sogar palettenweise „Red Bull“ bieten heute die Händler entlang der staubigen Landstrassen an. Finanziert von der internationalen Gemeinschaft boomt die Baubran-che und nicht wenige ehemalige Taxifahrer verdienen heute als Spediteure und Kontrakteure für die ISAF-Truppen sehr viel Geld. Dennoch leben viele einfache Menschen – insbesondere in den nach wie vor infrastrukturell eher marginal entwickelten ländlichen Regionen – am Rand des Existenz-minimums. Wo immer sich ISAF-Truppen mit Feldlagern oder Stützpunkten etabliert hatten, fallen auch für die afghanische Zivilbevölkerung Dienstleistungsjobs ab. Der Rest aber verdingt sich unter primitivsten Bedingungen auf dem Feld, als Handwerker oder Händler oder als Tagelöhner zum Beispiel in – mehr oder weniger illegalen – Kohleminen. Oftmals können die Familien nur über-leben, indem auch die Kinder schon mit etwa fünf oder sechs Jahren als Ziegenhirten oder Holzsammler zum Familieneinkommen beitragen.

Vor zehn Jahren begegnet der britische Dokumentarfilmer Phil Grabsky in den Höhlen der von den streng islamistischen Taliban gesprengten „Buddhas von Bamyan“ dem achtjährigen Flüchtlings-jungen Mir. Während seine Eltern sich in den ungeheizten Höhlen um das Überleben ihrer Familie während des eisigen Winters sorgen, spielt der aufgeweckte Bub unbekümmert und fröhlich mit anderen Flüchtlingskindern im nahen Fluss. Neugierig lacht und scherzt Mir vor der laufenden Kamera des freundlichen Fremden. Ein charmanter kleiner Bengel, der vom blutigen Ernst des Lebens in seiner Heimat noch sehr wenig ahnt.

(Foto: © Arte)

Der vielfach international preisgekrönte Filmer dreht 2001/2002 mit Mir und seiner Familie einen Dokumentarstreifen. „Der Junge, der auf den Buddhas von Bamyan spielt“ schildert am Beispiel einer Familie das Drama der afghanischen Bevölkerung, die seit Jahrzehnten unter der sowjetischen Besatzung, unter dem Gemetzel des Bürgerkriegs und unter dem grausamen Regime der islamistischen Taliban nicht zur Ruhe kommt. Entstanden zu Beginn des weltweiten Engagements am Hindukusch stellt dieser Film eine Momentaufnahme dar. Und zugleich sieht Phil Grabsky die Chance, den kleinen heiteren Jungen auf seinem Weg zum Erwachsenwerden zu begleiten. Er wird Mir begleiten und beobachten – zehn Jahre lang.

(Foto: © Arte)

Auch wenn der Junge Mir und seine Umgebung sicher nicht repräsentativ für das Leben in den ländlichen Regionen Afghanistans ist, so erlauben die intimen und aussagestarken Szenen nicht nur Einblicke in den kargen Alltag der Menschen am Hindukusch. Bildung ist Voraussetzung und Chance für die junge Generation, eines Tages vielleicht aktiv an der Modernisierung der in weiten Teil geradezu archaisch anmutenden Lebensumstände ihres Volkes mitzuwirken. An Eifer mangelt es dabei dem Jungen Mir nicht. Doch wie in den meisten Familien auf dem Land muss auch er
zum Lebensunterhalt beitragen. Die Bilder zeigen, wie er den kargen Gebirgsacker pflügt, wie er die Ziegen hütet – obwohl Mir doch eigentlich in die Dorfschule gehen sollte.

Als Achtjähriger ist der Kleine noch optimistisch und hoffnungsvoll: „Ich will vielleicht Präsident von Afghanistan werden“, träumt der Junge unbekümmert und fröhlich. Doch mit den Jahren muss auch er erkennen, dass er wie die meisten Kinder in den armen, ländlichen Regionen vor einem Dilemma kapitulieren muss: „Ich müsste eigentlich zur Schule gehen – aber ich kann heute nicht. Ich muss die Ziegen hüten. Sonst haben wir nichts zu verkaufen und nichts zu essen.“, erklärt er dem Filmer. „Und das ist nicht gut – doch wenn man zur Schule will, muss man auch was zu essen haben.“ Sein Vater ist nach einem Unfall in einer nahen Kohlemine Invalide, seine Mutter krank und schwach. Doch nur von dem schmalen Verdienst seines ebenfalls in der Mine schuftenden älteren Halbbruders Kushdel können die hungrigen Mäuler nicht gestopft werden. Also arbeitet auch Mir in den gefährlichen Stollen, sobald er als Halbwüchsiger kräftig genug für diese Schufterei ist. Der Film endet mit der Überlegung des fast volljährigen Mir, dessen Freunde auch dem Ort zum Teil aus relativ wohl-habenden Familien stammen und ihm die Idee nahegelegt haben, sich zur afghanischen Armee zu melden. „Ein guter Job – aber einer, bei dem man sterben kann“, reflektiert Mir. Nach Abschluss der Filmarbeiten fällte der zum intelligenten jungen Mann gereifte Afghane dann eine gute Entscheidung: heute arbeitet er als Security-Mann in einem Krankenhaus seines Distrikts.

(Foto: © SWR)

Das Bewusstsein, das man aus Afghanistan nicht unversehrt wieder heimkehrt, ist bei jedem Soldaten der Bundeswehr vorhanden. Auch wenn die offizielle Nachwuchswerbung des Verteidi-gungsministeriums die sehr konkreten Risiken gegenwärtiger oder künftiger Auslandseinsätze (bisher) faktisch ausklammert – so sind diese doch spätestens seit Aussetzung der Wehrpflicht jedem Freiwilligen für den Dienst in den deutschen Streitkräften präsent. Zehn Jahre der Teilnahme an der ISAF-Mission für Afghanistan sind verbunden mit insgesamt 56 toten und 304 verwundeten deutschen Soldaten und Polizisten.

(Foto: © SWR)

Für die ARD begleiteten die beiden Autoren Georg Schmolz und Thomas Kasper zwei Soldaten und ihre Familien ein Jahr lang. „Hindukusch und zurück“ schildert diese Zeit von der Einsatzvorausbil-dung in Deutschland, des Einsatzes in Afghanistan bis zu den Wochen ihrer Rückkehr in die Heimat. Ein Film der Zwischentöne. Fazit der Dokumentation: die wenigsten kommen so zurück, wie sie in den Einsatz gefahren sind. Dabei sind Oberleutnant Frank E. und Stabsunteroffizier Daniel K. während ihres Einsatzes nicht in sonderlich dramatische Situationen geraten, mussten nicht mit G36 oder der schweren Granatmaschinenwaffe ihr Leben gegen Aufständische, gegen Taliban oder einfach „nur“ kriminelle Mafiabanden verteidigen. Die Angst vor dem – natürlich – unerwarteten Angriff in einem Hinterhalt oder der vernichtenden Explosion einer am Straßenrand vergrabenen IED (Improvised Explosive Device) hat sich aber während der gesamten Einsatzdauer in das Bewusstsein der Männer eingegraben.

(Foto: © SWR)

ARD-Autor Ashwin Raman war im Sommer 2011 ist unterwegs im Norden Afghanistans – das Ergebnis die Dokumentation „So nah am Tod“. Der mit dem deutschen Fernsehpreis ausgezeichnete Kriegsreporter reist wie immer auf eigene Faust und auf eigenes Risiko, ausgerüstet mit einer kleinen Videokamera und einer kugelsicheren Weste. Sein Ziel: eine möglichst hautnahe Bestandsaufnahme nach zehn Jahren Krieg — in jener Region, in der die Bundeswehr für Sicherheit und Stabilität sorgen muss. Vier Wochen reist Raman durch den Norden des Landes, besucht die Standorte bei Kunduz, Mazar-e-Sharif und Baghlan. Er ist mit Bundeswehrsoldaten unterwegs bei Patrouillen und gefährlichen Einsätzen.

(Foto: © SWR)

Er macht Station an abgelegenen deutschen Außenposten im afghanischen Niemandsland und begleitet die afghanische Armee bei einer Offensive gegen die Taliban. Mehrfach wird er Zeuge von tödlichen Anschlägen. Ist dieser Krieg zu gewinnen, wenn sich die Spirale der Gewalt immer weiter dreht? Die Zweifel wachsen, auch unter den deutschen Soldaten in Afghanistan. “Um hier wirklich etwas zu verändern, dafür müsste man in Zeiträumen von mehreren Generationen denken”, sagt ein deutscher Offizier. Und fürchtet, dass der Bundeswehreinsatz mit mittlerweile mehr als 50 Toten vielleicht völlig sinnlos war. Ashwin Ramans Reportage zeichnet das Bild eines geschundenen Landes im zehnten Kriegsjahr. Seine Bewohner leben in ständiger Bedrohung durch grausame Anschläge und versuchen sich einzurichten in einen Alltag so nah am Tod.

Von Stefan Jalowy, 1.12.2011, Berlin

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