Archive für September, 2012 | monatliche Archiv Seite

Herr Richter, was spricht er…

14. September 2012

Die Kölner Richter könnten wieder was verbieten:

Nach dem Urteil zu den Beschneidungs-Riten

können sie nun den Jüdischen Kalender verklagen,

da es die Juden auch in Deutschland „wagen“,

ausgerechnet jetzt in diesen herbstlichen Tagen

Silvester zu feiern, Rosch Hachana, das Neujahrsfest!

Sie begehen das Jahr 5773, und zwar mit einem Test:

Da ist ab Sonntag ein himmlisches Buch aufgeschlagen,

mit ziemlich direkten, sehr persönlichen Fragen

nach den bösen und guten Taten eines jeden.

Die werden alle notiert, (auch wenn sich mancher ziert)!

Drum lautet der Neujahrswunsch nach alter Sitte,

auch der Juden in unserer Mitte:

 „Zu einem guten Jahr mögest du eingeschrieben sein!“*

   Na darauf denn: Ein Gläschen Carmel-Wein!

                                                *Leschana towa tikkatew!

Stani zum 16. September

 

Günter Stanienda

Günter Stanienda im Bundestag 2012 zur Wahl des Bundespräsidenten Joachim Gauck. (Foto: F. Sylla)

 

Buergerfest 2012 beim Bundespräsidenten Gauck

12. September 2012

Bürgerfest des Bundespräsidenten 2012

Berlin, 8./9.9.2012. Ob es nächstes Jahr wieder ein Bürgerfest geben wird? Als Bundespräsident dürfe er zwar noch nicht bis ins Detail geplante Vorhaben versprechen, aber „da es das Bürgerfest schon gibt“ wird es das wohl weiterhin geben. Tausende Gäste applaudierten am Besucher offenen Sonntag dafür. Laut Bundespräsidialamt nutzten rund 15.000 Bürger den Besuch beim Bundespräsidenten. Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt bedankten sich von „ganzem Herzen“ für das große Interesse am Bürgerfest.

Berlin, 8.9.2012. Das erste Bürgerfest des Bundespraesidenten Gauck im Park von Schloss Bellevue. Bundespraesident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Frau Daniela Schadt komenne in den Garten, um ihre Gäste zu begrüßen. (Foto: © Friedhelm Schulz/ Friedrichson Pressebild)

Am Samstag schlenderten etwa viertausend geladene Gäste, überwiegend ehrenamtlich Aktive und ihre Familien, durch den Schlosspark und die Säle des Schlosses Bellevue. Auch das Amtszimmer war begehbar: „Was liest man denn hier so?“, fragte sich ein Besucher laut und beugte sich über die Kordelabsperrung Richtung Bücherregal, um die Titel zu lesen. Auf dem ersten Blick sind es Biografien ehemaliger Bundespräsidenten und viele Lexika.

Beim Rundgang in dem Bau, der Ende des 18. Jahrhunderts im herrschenden Übergangsstils von dem Barocken zum Klassizismus gestaltet wurde (http://www.bundespraesident.de/DE/Die-Amtssitze/Schloss-Bellevue/schloss-bellevue-node.html) begegneten den Gästen überraschenderweise  verkleidete Schauspieler, die die ursprünglichen Namensgeber der Säle wort- und gestenreich nach empfanden.

Mit auf den Balkon huschten einige Besucherinnen und Besucher, eine hatte einen Jungen auf dem Arm. Der Balkon wurde ein zweites Mal von einem freundlichen Mitarbeiter des Bundespräsidialamtes für den Demokratie-Spiegel geöffnet. Die Dame mit Kind sagte feierlich winkend in den Garten: „Seid gegrüßt Volk. Nein, seid gegrüßt niederes Volk.“

[yass cats=2,3]

Wie hoch der Balkon ist, wusste der Mitarbeiter nicht. Gut war, dass der Fotograf Friedhelm Schulz, Friedrichson Pressebild, seine Fotos rasch schoss, denn die offene Balkontür wurde schnell dicht bedrängt von den nachströmenden Gästen, die diese Gelegenheit verständlicherweise gleich wahrnehmen wollten. „Was man in fünf Minuten so erleben kann“, wird der Pressefotograf Schulz später sagen.

Ein andere Pressefoto-Kollegin erzählte uns nacher auf den Weg zu den Imbissen, der vorangegangene Foto- und Kameratrupp blieb im Fahrstuhl stecken. Sie persönlich mag keine Fahrstühle und der Vorschlag der Mitarbeiter des Präsidialamtes, um die strömende Besuchermenge zu umgehen, den Fahrstuhl ins Obergeschoss zu benutzen, brachte ihr einen gehörigen Schrecken. Dabei hatte sie doch vorher schon so eine Ahnung und wollte lieber laufen.

Wie bei den vergangenen drei Sommerfesten der Bundespräsidenten nahmen auch beim zweitägigen Bürgerfest die Besucher vor den Speise- und Getränkeständen Wartezeiten in Kauf.

Das gefiel einem Mädchen im Grundschulalter gar nicht. Sonntagspätnachmittag wandte sie sich der Mutter zu: „Da muss man ja so lange anstehen“. Keine zehn Personen standen vor ihr. Auch beim Bürgerfest wurden die Warteschlangen verkürzt mit Service-Kräften.

Während des moderierten Podiumsgesprächs zum Thema: „Unsere Demokratie – von der Bonner zur Berliner Republik“ mit Gauck und den beiden Bundespräsidenten a.D. Richard von Weizäcker und Roman Herzog, gab das Publikum kräftigen Beifall für die Mitarbeiter beim Fest – als Dankeschön, denn die Frage an Gauck, ob das Bürgerfest 2013 statt finden wird, sei ja von den Mitarbeitern abhängig.

 

Das Fest blieb an beiden Tagen von Regen verschont. Sonntag schien die Sonne den ganzen Tag in Berlin. Die Reichen und Mächtigen waren nicht im Schloss Bellevue diesen Sonntag und am Samstag nur wenige, unter anderem der Bundesminister Daniel Bahr (Gesundheit, FDP) und der Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) mit ihren Frauen und Ronald Pofalla (CDU), Chef des Bundeskanzleramts und Bundesminister für besondere Aufgaben, mit seiner Gefährtin, sowie einige Bundestagsabgeordnete, zum Beispiel Martin Lindner von der FDP. Sind sie oder ist Joachim Gauck mächtig? Zumindest bekam Gauck den größten Beifall und echte Jubelrufe vom Publikum.

Ein wenig meckerte ein Besucherpärchen wegen des Bezahlmodus – der überwiegend auch noch in Wertmarken am Sonntag stattfinden musste.

Die Kinder konnten im Theaterzelt tanzen oder Theater spielen. In einem gläsernen Filmstudio aus Babelsberg konnten sie bei einer professionellen Filmproduktion mitspielen als Wikingerschauspieler oder Maskenbildner/in. Die sportlichen Aktivitäten reichten von einem Fußballparcours über Skislalom bis hin zu Eisstock- und Bogenschießen. Beim Bogenschießstand war auch der Sprecher der Bundesregierung Steffen Seibert (Parteilos) am Samstag anzutreffen mit seinen Söhnen.

Den Anfang beim Bühnenprogramm am Samstag machte das Deutsch-Polnischen Jugendorchester. Eines der ältesten grenzübergreifenden Jugendorchester Europas. Dann kam der Akrobatiknachwuchs, die lernen ab der fünften Klasse in der Schule für Artistik. Die Tanzshows wurden von den Nachwuchskünstlern der Staatlichen Ballettschule Berlin präsentiert. Am 9. September traten unter anderem die Reggae-Band „Jahcoustix“ und die Hamburger Rockband „Station 17“ im Schlosspark auf. Institutionen, Initiativen und Engagierte stellten ihre gemeinwohlorientierten Projekte am gesamten Wochenende beim Bürgersfest 2012 mit Gauck vor.

(Text; Franziska Sylla, Hinzugezogene Quellen:  www.bundespraesident.de. Alle Fotos: Friedhelm Schulz, Friedrichson Pressebild, LÄ: 12.9.2012, fs, 23.33h)

Hier geht es zum virtuellen Rundgang in die Räume des Bundespräsidentensitzes in Berlin:  zhttp://gsb.download.bva.bund.de/BPRA/Bellevue/index.html#pano=134.

 

 

 

 

Sicherheitskonferenz „Future Security 2012“ im Cyberspace

11. September 2012

Die „unverwüstliche Stadt“ von morgen: Ohne Strom geht gar nichts mehr

Von Annette Hauschild Bonn, 10.09.2012

Sicherheit im Cyberspace war diesjähriger Schwerpunkt der Sicherheitskonferenz „Future Security 2012“ der Fraunhofer-Gruppe für Verteidigung und Sicherheit. 360 Besucher waren zur Sicherheitskonferenz „Future Security 2012“ der Fraunhofer-Gruppe für Verteidigung und Sicherheit (VVS) am früheren Regierungssitz gekommen, dem Standort des militärischen Flügels der Fraunhofer-Institute, der früheren Forschungsgesellschaft für Angewandte Naturwissenschaften (FGAN).

Was passiert, wenn in einer Großstadt die zentrale Stromversorgung längerfristig ausfällt und damit die Versorgung der Kommunikationsnetze? Wie kann man die Bevölkerung vor bevorstehenden Gefahren warnen, z.B. bei einem Chemieunfall oder einem Großbrand? Welche Anforderungen müssen Gebäude erfüllen, um starke Erschütterungen auszuhalten und schnelle Evakurierung/schnelle Eingriffe zu ermöglichen? Mit diesen Fragen müssen sich Krisenmanager und Einsatzstäbe herumschlagen. Den ganzen Artikel lesen Sie bei Telepolis: http://www.heise.de/tp/artikel/37/37596/1.html

Die Rümperiens der Künstlerin Carola Rümper

7. September 2012

Von Carola Rümper

Wie Hauke Haien in Storms „Schimmelreiter“ war die Künstlerin Carola Rümper schon früh von der Naturgewalt Wasser erschreckt und fasziniert zugleich. Da es in ihrer Jugend keine Deichgrafen mehr gab und die Deiche mit Hilfe modernster Technik bereits zur vollkommenen Form gefunden hatten, beschränkte sie sich darauf auch bei stärksten Stürmen am Wasser zu sitzen und dem aufkommenden Unwetter ins Auge zu sehen.

Eines Tages, sie hatte die Hallig ihres Dorfes direkt voraus, sah sie eine schwarze Gestallt, dessen Herkunft sie nicht kannte, ihr Interesse war geweckt. Sie beschloss, dieser Erscheinung auf den Grund zu gehen und fand im Laufe der Jahre heraus, dass es sich um eine Lebensform handelt, die bisher kaum ein Mensch zu Gesicht bekommen hatte.

Sie benannte die Wesen nach ihrem eigenen Namen „Rümperiens“. 

Die Rümperiens

Der Fund – Projekt Excavation

Eine Lebensform, die seit mehreren Jahren von der Künstlerin Carola Rümper erforscht und dokumentiert wird. Die Künstlerin entdeckte die Population bereits in ihrer Kindheit in der norddeutschen Tiefebene (Land Wursten), in der sie aufwuchs.

Es handelt sich um speziell geformte Wesen, meist geprägt durch einen Corpus mit unterschiedlichen Tentakeln. Besonders auffallendes Merkmal ist die schwarze Außenhaut.

Ihre Größe ist variabel, es wurden bisher Rümperiens in der Größe zwischen 5 und 20 cm beobachtet. Es gibt kein vorne und hinten, kein oben und unten. Die Fortbewegung findet in schnellen, wendigen Bewegungen zu allen Seiten statt.

Bisher bekannte Verbreitungsgebiete sind Deutschland, Russland, Ägypten, Alaska und die Schweiz. Insgesamt wurden bisher 162.341 Exemplare gezählt. Man nimmt an, dass die Rümperiens auch in anderen Ländern der Erde beheimatet sind. Die Suche danach wird permanent fortgesetzt.

Es wurde eine starke Affinität zu Wolken festgestellt. Immer wieder wurde beobachtet, wie sie sich ungeschützt am Straßenrand unter besonderen Wolkenformationen sammeln.

Die Rümperiens leben terrestrisch, sie sind sowohl nacht- als auch tagaktiv. Bisher ist noch nicht bekannt wie und welche Ruhephasen sie benötigen und wohin sie sich währenddessen zurückziehen.

Wie sich ein Rümperien bei Störung und Gefahr verhält muss noch ermittelt werden. Bisher gab es keine Berichte über Angriffe auf andere Lebewesen. Ob die Rümperiens natürliche Feinde haben und über ein Verteidigungssystem verfügen, um sich gegen Gegner zu wehren, ist unbekannt.

Das Team – Projekt Excavation

Die Rümperiens sind sehr scheu, allerdings lässt ihre natürliche Neugierde sie immer wieder in den Lebensraum der Menschen eindringen. Sie sind für Menschen oft unsichtbar. Nachweißlich halten sie sich gerne in der Nähe von Menschen auf.

Um die Population in ihrer Komplexität darzustellen arbeitet die Künstlerin multimedial. Einzelne Exemplare der Population werden als dreidimensionale Objekte (Material: Plastiform) nachgebildet. Installationen und digitale Collagen geben den Lebensraum der Population wieder. Forschungserkenntnisse werden in Textsammlungen zusammengefasst.

„Dokumentarische“ Fotografien visualisieren Forschungsinhalte. Projekte im öffentlichen Raum wie z.B. „Attention Rümperiens“ (Kairo) und „Luxus der Artenvielfalt“ (Berlin) fordern die Bevölkerung auf, sich an der Suche nach den Rümperiens zu beteiligen. (Fotos: Rümper)

Mehr Details und Bilder: http://www.carola-ruemper.eu/seite2.html

 

Berlin Art Club bac 1st

7. September 2012

Pressemitteilung

Der Berlin Art Club kündigt eine ganz besondere Veranstaltung

am Samstag den 8.9. ab 17:00 Uhr an:

Eine besondere Einführung einer Gruppe von neun der teilnehmenden berühmten indischen Künstler

Gogi Saroj Pal, Ved Nayar, Arpana Caur,

Aradhna Tandon, Dattatraya Apte, Kalicharan Gupta,

Kishor Shinde, Lallitha Jawahrilal, Sushanta Guha,

vorgestellt von Art and Aesthetic – Ravjeet Madan 

Eine musikalische ganze Nacht Programm wird von 18.00 bis 12.00 Uhr starten.Es beinhaltet die Band Camera

Julia Antonia und Teodor Tomulesco zusammen mit Andreas Weiser

Zuhoerer in 129 b-Verfahren unerwuenscht

7. September 2012
 Abhängig von Geheimdiensten

 
Von Helmut Lorscheid, 4. September 2012
 
Seit einigen Jahren gibt es den Strafrechts-Paragraphen 129 b. Er wurde im Zuge der Anti-Terrorgesetze eingeführt und dient dazu, Personen, die von Deutschland aus Terrorgruppen im Ausland unterstützen, dafür zu belangen. Wer gerade als Terrorgruppe gilt, bestimmen die US-Regierung, die EU und für die deutsche Justiz verbindlich das Bundesjustizministerium.
 
Unser Mitarbeiter Helmut Lorscheid hat in einem Beitrag für Telepolis näher beleuchtet, wie 129 b-Verfahren in der Praxis ausschauen. Zuhörer in 129 b-Verfahren unerwünscht Strafprozesse wegen 129 b finden großenteils ohne Öffentlichkeit statt – zumindest fehlen in den meisten Prozessen deutsche Zuhörer. Hinzu kommt, dass seitens einiger Gerichte kaum etwas unterlassen wird, um Menschen vom Besuch solcher Verhandlungen abzuschrecken.
 
Den ganzen Artikel lesen Sie bei Telepolis:  http://www.heise.de/tp/artikel/37/37506/1.html
 

Lust oder Frust

5. September 2012

In des Weibes Mitte

vergisst der Mann die Sitte.

Und von Pubertät bis Rente

bezahlt er Alimente!

Luther hat deutlich gesagt,

was man kaum zu zitieren wagt:

   „Wir sind Hurentreiber, ob wir es

   gleich nicht öffentlich

   vor aller Welt sind,

   so sind wir es doch im Herzen

   und wo wir Raum, Zeit, Statt

   und Gelegenheit haben,

   brechen wir alle die Ehe.“ (Luther-Lexikon, Nr. 907)

Der Reformator hat es wohl geahnt,

dass sich die Unsitte stets ihre Wege bahnt –

bis in die höchsten Kreise der Republik

feiert die Ungeniertheit Sieg um Sieg!

 ____________________Ein Altmodischer September 2012. Von Günter Stanienda

Was bleibt? Das Kunsthaus Tacheles gibt sich geschlagen

3. September 2012

Morgen früh um 8 Uhr wird das Berliner Kunsthaus Tacheles in der Oranienburger Straße geräumt. Dass das verhindert werden könnte, davon träumt niemand mehr. Deshalb hat man zum Räumungsfrühstück eingeladen.
Am vergangenen Samstag versammelten sich rund 150 Menschen auf der Oranienburger Straße und feierten zum letzten Mal das Kunsthaus Tacheles. Ab 14 Uhr wurde die improvisierte Bühne aufgebaut, die kleinen Stände mit allerlei Dingen zum Kaufen standen schon auf dem Bürgersteig bevor das erste Mikro funktionierte.
Mit etwas Verspätung eröffnete Martin Reiter, der Tacheles-Sprecher, die Kundgebung. Nur langsam füllte sich die Straße vor dem bunten Haus, aus dessen Fenster die Unterschriftenlisten für den Erhalt des Kunsthauses hingen. Die Menschen, die an diesem Tag den Reden, Kunstperformances und den musikalischen Einlagen lauschten, waren keine aufgebrachte Menge, sondern Freunde des Tacheles und wie das Haus bunt gemischt.

 

Kunstperformance auf der letzten Kundgebung gegen die Schließung des Tacheles (Foto: C. Kürschner)

Ausverkauf: Noch einmal fotografieren, bevor alles vorbei ist

Noch einmal feierten die Tacheles-Künster ihr Haus. Es sind nur wenige Menschen gekommen um ein letztes Mal zu verkünden „I support Tacheles“. Menschen bleiben zwar neugierig stehen, überlegen, was hier stattfindet und holen letztendlich das Handy heraus, um kurz das quirlige Treiben zu filmen oder fotografieren. Noch einmal schnell das besetzte Haus fotografieren, bevor es ab diesen Dienstag verschwindet. Ab 1990 wurde das Haus von Künstlern besetzt. Als sich einige Jahre später die Fundus-Gruppe das Grundstück samt Tacheles unter den Nagel riss, waren die Künstler noch bereit zum Kämpfen. Es gab etwas zu beschützen: Das Kunsthaus ist zum Treffpunkt für alternative Musiker, Veranstalter und Künstler geworden. Das Tacheles stand so lange Zeit für das Berlin, das zwar arm aber an Idee reich ist. Der Besitzer ging in die Insolvenz bevor das Haus geräumt werden konnte, wodurch das ganze Grundstück nicht für Pläne wie Luxus-Eigentumswohnungen und ein Hotel umgebaut werden konnte.
Seitdem ist das Haus mit dem umliegenden Grundstück in der Hand des Gäubigers HSH Nordbank, die selbst finanzielle Schwierigkeiten hat und mit Hilfe von Steuergeldern unterstützt wird. Seit Monaten gibt es rechtlichen Streit zwischen Investoren und Künstlern, der seinen Höhepunkt darin fand, dass eine Security-Firma das Tacheles absperrte und laut Reiter Bilder des Tacheles-Künstlers Alexander Rodin zerstörten. Der Strom wurde im Haus bereits Anfang August abgeschaltet; wegen fehlender Brandschutzbedingungen und der nicht funktionierenden Notbeleuchtung durften Touristen das Gebäude bereits nicht mehr betreten.

 

Am vergangenen Samstag fand die letzte Kundgebung statt, morgen soll das Tacheles geräumt werden (Foto: C. Kürschner).

Berlin verliert – nicht das Tacheles

Mit ein wenig Hang zum dramatischen Ton steigt Martin Reiter an diesem Sonnabend immer wieder auf die Bühne, um über die Geschichte des Tacheles zu erzählen und die Sicht der Künstler darzustellen. Ganz klar ist für ihn, dass nicht die Künstler das Tacheles verlieren. Diese könnten irgendwo anders ihrer Kunst nachgehen. Viel erschreckender sei der „Investorenwahn“, der in Berlin um sich greife und der zu einem „Umbau der Stadt“ führe, so Reiter. Die Oranienburger Straße wurde in den letzten Jahren aufpoliert, Wohnungen entstanden, der hochwertige Einzelhandel und Bars sind hier jetzt zu finden, das Tacheles steckt wie ein schlechter Zahn zwischen diesen Immobilien. Man wittert das Geld, das in der Immobilie steckt. Wahrscheinlich auch deshalb ist aus der Politik relativ wenig zu hören. Der Berliner Kultursenator Klaus Wowereit ist gerade anderweitig beschäftigt und meldet sich nicht zu Wort, obwohl man ihn mehrmals um Hilfe gebeten hat. Das Tacheles ist sich selbst überlassen. Das sieht man auch an diesem Samstag, denn es sind außer den engen Anhängern des Kunsthauses keine Menschen zur Unterstützung gekommen. Die Touristen bleiben neugierig stehen, gehen dann aber mit dem Stadtplan in der Hand weiter. Da kann man einmal die Frage stellen, warum das Tacheles erhalten werden soll, wenn selbst die eigene Stadtbevölkerung sich nicht dafür interessiert. Vielleicht weil es ein Mahnmal der vergangenen 20 Jahre ist und damit ein wichtiger Ort der Berliner Geschichte. Aber so ist die Räumung des Tacheles nur ein Teil der Umstrukturierung der Stadt, womit Berlin auf dem besten Weg ist, sein Gesicht zu verlieren und zu einer völlig geglätteten, vernachlässigbaren Großstadt zu werden. Die Tacheles-Künstler haben schon recht: Berlin verliert einen einmaligen Teil seiner Identifikation und damit unweigerlich an Charme.

Text: Christiane Kürschner